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jede stimme ist schön interview mit gunda hofmann

“Jede Stimme ist schön.”

 

Wiener Journal: Frau Hofmann, was kann man tun, wenn man mit der eigenen Stimme nicht glücklich ist?

Gunda Hofmann: Oft kommen Menschen zu mir, die ihre Stimme zu hoch oder zu tief finden. Ihnen würde eine andere Stimmlage besser gefallen, aber ich finde es absolut nicht ratsam, seine eigene Stimmlage zu verändern. Abgesehen davon ist dies auf Dauer nicht möglich. Was man sehr wohl tun kann, ist, die eigene Stimme zum Klingen zu bringen.

Wiener Journal: Welche Methoden gibt es dafür?

Gunda Hofmann: Hier gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Der Akt des Sprechens ist ja ein sehr komplexer Vorgang. Der Einstieg in das Stimm- und Sprachtraining ist die Atmung. Sie ist die Basis des Sprechens und die Stütze der Stimme. Es gibt diverse Atemübungen, die darauf abzielen, die Muskulatur, die beim Sprechen beansprucht wird, in Wohlspannung zu bringen. Weder Über- noch Unterspannung ist für das Sprechen günstig. Unser Atem gibt auch unseren Sprechrhythmus vor.

Wiener Journal: Welche Übungen gibt es noch, um die Kapazität der eigenen Stimme besser auszuschöpfen?

Gunda Hofmann: Zum Beispiel Resonanz-übungen. Mir ist es ein ganz großes Anliegen, dass die Menschen zu ihrer persönlichen Stimme finden, weil nur dann die Sprache authentisch wird. Manche Menschen sprechen tatsächlich zu hoch oder zu tief, also nicht in ihrer Stimmlage.

Wiener Journal: Wie stellt man fest, ob ein Mensch in seiner optimalen Stimmlage spricht?

Gunda Hofmann: Jeder Mensch verfügt über einen bestimmten Grundton, der mit folgender Übung leicht zu eruieren ist. Man legt die Handflächen auf die Brust, denkt an ein leckeres Essen und sagt Mmmmmh. Auch mit einem langgezogenen “Nnnnnnnh” kann man die eigene Stimmlage sehr gut finden. Das ist der persönliche Grundton, also jener Klangbereich, in dem man unangestrengt spricht. Die Sprachmelodie ergibt sich dann aus den einzelnen Wörtern und Sätzen und variiert dann ein bisschen in der Höhe und in der Tiefe.

Wiener Journal: Mit dieser Stimmlage sollte man sich also anfreunden.

Gunda Hofmann: Ja. Ich persönlich mag die Einmaligkeit der menschlichen Stimme. Für mich ist jede Stimme schön, sofern sie persönlich klingt. Man möchte gar nicht für möglich halten, wie viele Nuancen in der eigenen Stimme stecken, wenn man beginnt, sich gezielt mit ihr zu befassen. Ein wichtiges Thema ist auch die Stimmführung. Ob jemand monoton oder lebhaft spricht, hat viel mit den Spannungsverhältnissen im Körper zu tun, natürlich auch mit emotionalen Faktoren.

Wiener Journal: Welche Rolle spielt die Anatomie der Stimmbänder? Die legendäre schwedische Sopranistin Birgit Nilsson war gewissermaßen für Wagnerpartien geboren, weil sie überdurchschnittlich dicke Stimmbänder hatte und ihre Stimme dadurch enorm belastbar war.

Gunda Hofmann: Die Stimmbänder sind natürlich ein wesentlicher Punkt. Kurze Stimmbänder geben höhere Stimmen, lange Stimmbänder tiefere Stimmen. Die Tonlage hängt aber auch von der Spannung der Stimmbänder ab. Wenn sie wenig gespannt sind, schwingen sie langsamer und es ergeben sich eher tiefere Töne. Wenn sie mehr gespannt sind, kommen höhere Töne. Oft sind Leute im wahrsten Sinne des Wortes überspannt und reden dadurch viel zu hoch und gequetscht, was bei längerem Sprechen zu Heiserkeit führen kann. Dann muss man versuchen, die Spannung herauszunehmen, um in die Wohlspannung zu kommen, was unter anderem über Atem-, aber auch mit Bewegungsübungen zu erreichen ist. Wenn die Atemräume offen sind, dann sind auch die Resonanzräume offen und die Stimme gewinnt automatisch an Tragkraft und Klang.

Wiener Journal: Wenn man beispielsweise bei einem Vortrag lauter sprechen muss, sollte dies also nicht mit einer bewussten Kraftanstrengung einhergehen?

Gunda Hofmann: Stimmvolumen ist keine Frage der Anstrengung, das führt nur zu einer gepressten Stimme, die niemanden anspricht. Vielmehr sollte man die Stimme strömen lassen, die Vitalität des Atems und alle Resonanzräume des Körpers miteinbeziehen. Sprechen ist ein ganzheitlicher Vorgang. Ich sage meinen Schülerinnen und Schülern immer, streicht “laut” und “leise” aus eurem Wortschatz. Wenn man laut sprechen möchte, dann gibt man meistens Druck und erzielt den gegenteiligen Effekt und die Stimme kann sich nicht entfalten. Es ist wichtig, dass es in meinem Brustraum, in meinem Körper nicht eng, sondern weiter wird. Es geht um Räume und Weite. Deshalb sage ich beim Stimmtraining auch nicht “lass dir Zeit”, sondern “lass dir Raum”. Auch für die Artikulation ist das ganz wichtig.

Wiener Journal: Worauf kommt es bei der Artikulation noch an?

Gunda Hofmann: Wichtig ist, bei jedem Wort konzentriert dabei zu sein. Gerade kurze Wörter werden oft vernuschelt. Jedem Wort gebührt derselbe Respekt, auch wenn es noch so kurz ist. Jeder Buchstabe in einem Wort ist nicht zufällig, sondern gibt den Klang, gibt die Bedeutung und muss auch gehört werden.

Wiener Journal: Kann man Ihrer Erfahrung nach von der Stimme eines Menschen auf dessen Persönlichkeit schließen?

Gunda Hofmann: Sehr! Es geht nicht darum, ob das eine schöne oder weniger schöne Stimme ist, sondern nur darum, ob sie authentisch ist, ob dieser Mensch wirklich meint, was er sagt. Das ist ein wesentlicher Punkt. Mit der Stimme werden ja auch Emotionen transportiert. Wenn man müde oder traurig ist, klingt sie anders als wenn man gute Laune hat.

Wiener Journal: Was zeichnet letztlich einen guten Sprecher aus?

Gunda Hofmann: Ein wesentlicher Punkt ist sicherlich, ob man es schafft, mit seinem Gegenüber in Kontakt zu treten, ob man einen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes anzusprechen vermag. Hierfür braucht die Stimme schon eine gewisse Spannung. Ich vergleiche das gerne mit einer Gitarrensaite: Wenn sie gut gespannt ist, nicht über- oder unterspannt, dann ist der Ton wunderbar stimmig.

Wiener Journal: Und diese Kunst lässt sich erlernen?

Gunda Hofmann: In jedem Alter! Diese Kunst hat für mich viel mit Kultivieren, mit Übung zu tun. Letztlich ist vieles eine Trainingssache, gleichzeitig aber auch eine Frage des Mutes. Um via Stimme, via Sprache mit anderen Menschen in Beziehung zu treten, muss man bereit sein, seine Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, etwas von sich preiszugeben. Das fällt manchen Menschen nicht leicht, gerade Manager haben damit oft ein Problem und sind darauf erpicht, nur ja keine Emotionen zu zeigen.

Wiener Journal: Ein guter Redner sollte Ihrer Ansicht nach also dem Zuhörer auch ein bisschen Einblick in seine Gefühlswelt gewähren?

Gunda Hofmann:Ja, was aber nicht heißt, dass ich mein Innerstes nach außen kehren muss, sondern nur, dass ich zum Ausdruck bringe, dass ich als Mensch im Moment bei der Sache bin. Und dazu gehören natürlich auch Emotionen. Wir haben ja viele Stimmungen den ganzen Tag über. Meist werden diese Stimmungen von unserer Stimme abgespalten, weil wir glauben, sie nicht zeigen zu dürfen. Aber ist das ansprechend? Wir wollen den Menschen ja in seiner ganzen Individualität sehen.

Wiener Journal: Es gibt das Phänomen, dass man manche Stimmen auf Anhieb sympathisch findet. Woran genau liegt das?

Gunda Hofmann: Genau daran, ob eine Stimme authentisch ist, ob sie der Person entspricht und ob man hinter dem, was man sagt, auch steht.

Wiener Journal: Stimm- und Sprechtraining kann also nicht zuletzt auch eine Übung in Sachen Selbsterfahrung sein?

Gunda Hofmann: Man lernt einfach, sich auf vielen verschiedenen Ebenen wahrzunehmen. Es ist ungemein spannend zu beobachten, wie sich Stimmen verändern, wenn sich Menschen zu öffnen beginnen und sich zu stimmigen Persönlichkeiten entfalten. Ich bekomme oft das Feedback, “ich wollte sprechen lernen und habe nun mein Leben verändert”. Auch sogenannte Piepsstimmen sind meist nicht angeboren, sondern ein Resultat von Erziehung und Sozialisation.
Piepsstimmen können auch ein Karrierekiller sein, weil sie in der Mehrzahl mit Unsicherheit und fehlender Kompetenz assoziiert werden. Meiner Erfahrung nach gibt es sehr wenige Frauen, die von Natur aus eine ganz hohe Piepsstimme haben. Asiatinnen sprechen oft deshalb mit Piepsstimmen, weil sie so erzogen wurden. Wenn man von klein auf gesagt bekommt: Sprich nicht so tief oder sprich nicht so laut, dann hat das schon Auswirkungen auf unser Sprechverhalten. In den meisten Fällen haben Frauen, die mit sehr hoher Stimme sprechen, in Wahrheit eine andere Stimmlage. Aber die Spannung in den Stimmbändern und im ganzen Körper ist einfach zu hoch. Daran kann man arbeiten, dass die Stimme besser schwingt und souveräner rüberkommt.

Wiener Journal: Wie sehen Übungseinheiten bei Ihnen konkret aus?

Gunda Hofmann: Meine Stunden sind ganz individuell auf den jeweiligen Menschen abgestimmt und so konzipiert, dass ein Bogen gespannt wird vom Atem zur Stimme, vom Sprechtraining zur Sprachmelodie, zum Rhythmus, zur Aussprache bis hin zum Atmosphäre-Schaffen. Wie gehe ich mit einem Text um? Was ist die Hauptbotschaft meines Vortrages? Mir ist ganz wichtig, dass es nicht bei den Übungen bleibt, sondern dass im freien Sprechen dann alles ineinander fließt, dass die einzelnen Tools trainiert und verinnerlicht werden. Das Sprechen per se ist ein sinnlicher Prozess. Mein Körper weiß, wann der Atem kommen möchte. Wir haben eine enorme Körperintelligenz, die möchte ich vermehrt ins Bewusstsein rücken, damit die Stimme dann besser trägt und wirken kann.

Zur Person
Gunda Hofmann, geboren 1965 in Linz, ist akademische Atempädagogin, Stimmpädagogin und langjährige Trainerin und Expertin für Atemtechnik, Stimmtraining, Rhetorik, Körpersprache und Ausdruck. Darüber hinaus absolvierte sie eine Schauspielausbildung, fungiert als Sprecherin und ist Taiji-Quan- und Qigonglehrerin. Seit 2006 Trainerin und Mitbegründerin des Zentrums für Stimme & Sprechen in Wien, das sie seit 2013 leitet.

(Print-Ausgabe Wiener Zeitung vom 17.05.2019)

Wiener Zeitung, Online-Ausgabe vom 17.05.2019

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